Lichter in der Anderswelt


Mouches volantes in der darstellenden Kunst moderner Schamanen


Von Floco Tausin

Spricht man es aus, klingt es weich wie ein gemächlicher Wasserstrom, den zu erfassen man die Hand umsonst ausstreckt: Schaman. In diesen Strom, durch die New Age Bewegung in unseren Breitengraden populär geworden, fliessen einige unserer oft vagen Bilder, Vorstellungen und Hoffnungen eines natürlichen, freiheitlichen und kraftvollen Lebens – in diesem Fall herbeigeführt durch Trommeln, Tanz und innere Reisen.


Schamanismus

Die Kulturwissenschaften liefern Faktisches: „Shaman“ ist ursprünglich ein wahrscheinlich tungusischer Ausdruck für besondere Männer und Frauen Sibiriens und Innerasiens, die im Zentrum des religiösen Lebens einer Gemeinschaft stehen. Bevor diese Frauen und Männer als Schamanen tätig werden können, machen sie typischerweise eine Zeit der Krankheit und des Wahnsinns durch. Hier zeigt sich ihre Fähigkeit zur Ekstase und zur Vision, die dann in der Ausbildung durch ältere erfahrene Schamaninnen und Schamanen gefördert wird. Mehrere Jahre erlernen angehende Schamanen die Techniken der Ekstase und der Trance und eignen sich Wissen über die Welt der Pflanzen, Tiere und Geister an. Im abschliessenden Initiationsritual erleben sie die Zerstückelung ihres Körpers und der Austausch von Organen durch Geister oder Dämonen – sie sterben als gewöhnliche Menschen und werden als Schamanen wiedergeboren. Eingeweihte Schamaninnen im Dienst ihrer Gemeinschaft versetzen sich in Trance durch Trommeln, Tanz, Gesang und teilweise durch die Einnahme von Halluzinogenen. Sie verlassen dadurch ihren Körper und unternehmen mit Hilfe ihrer Krafttiere Seelenreisen in die Anderswelt, sei es die himmlische oder die Unterwelt, die beide durch einen Weltenbaum oder Weltberg mit der irdischen Welt verbunden sind. In diesen anderen Sphären verhandeln sie mit Geistern und Göttern, gewinnen Kenntnisse über die Zukunft, über den Verbleib verlorener Objekte oder über den Aufenthaltsort von Jagdwild; durch ihre Reisen vermögen sie Kranke zu heilen und Verstorbene auf ihrer letzten Reise zu führen und zu beschützen (Stutley, 2003; Eliade, 1957; 1987).

Die grundsätzlichen Formen des Denkens, der Initiation und der Praktiken der sibirischen Schamanen begegnen uns auch in anderen indigenen Kulturen, auf dem amerikanischen Kontinent, bei den skandinavischen Saamen und den arktischen Inuit, im aboriginalen Australien und in afrikanischen Stammesgesellschaften. Dies ist der Grund, weshalb frühe europäische Reisende und Forscher den Begriff „Schaman“ auch für jene Magier, Zauberinnen, Hexen, Medizinmänner oder Ekstatikerinnen anderer Kulturen gebrauchten. Daher sind die Anthropologen seit Jahrzehnten uneins, ob der Schamanismus tatsächlich ein universelles Phänomen ist oder ob es nur lokale Traditionen der „Magie“ gibt (Stutley, 2003; Znamenski, 2007). In der populären esoterischen Kultur der Industriestaaten hingegen erfreut sich ein der modernen Lebensweise angepasster und oft mit europäischen magischen Traditionen vermengter Schamanismus grosser Beliebtheit: Filme, Bücher, Foren und Seminare leiten zu schamanischer Denk- und Lebensweise im städtischen Alltag an (Znamenski, 2007; Fries, 1995; Drury, 1989; Harner, 1980; Castaneda, 1968).


Schamanismus und Mouches volantes

Die darstellende Kunst ist in den oft schriftlosen schamanischen Gesellschaften ein wichtiges Ausdrucksmittel. Die Malereien, Schnitzereien und Gravierungen auf Wänden, Alltagsgegenständen, Waffen, Musikinstrumenten und Schmuck widerspiegeln die indigenen Vorstellungen über die kosmische, die natürliche und die soziale Ordnung. Auffällig ist, dass diese Kunst zu einem grossen Teil abstrakte geometrische Muster aufweist, Punkte, Linien, Spiralen, Vielecke, Gittermuster u.a. Diese durch verschiedene Zeiten und Kulturen erstaunlich beständigen Muster wurden von einigen Anthropologen und Archäologen als entoptische Erscheinungen bzw. Phosphene gedeutet (Roach, 1998; Clottes/Lewis-Williams, 1997; Bednarik et al., 1990; Dowson/Lewis-Williams, 1988; Reichel-Dolmatoff, 1975). Entoptische Phänomene sind subjektive visuelle geometrische Erscheinungen, die durch eine besondere Stimulierung des Nervensystems erzeugt und somit in bestimmten Zuständen veränderten Bewusstseins wahrgenommen werden. Etliche Prähistoriker, Archäologen und Anthropologen folgen der These von Dowson/Lewis-Williams, dass Schamanismus bereits ein Phänomen der jüngeren Altsteinzeit war, deren Künstler abstrakte Zeichen in Stein gravierten, und dass das Auftreten entoptischer Erscheinungen die erste Phase im visionären Tranceerlebnis von Schamanen sei, welches über mehrere Stufen von abstrakten zu bildlich-visionären Wahrnehmungen führt.

 

Von abstrakten Phosphenen über symbolische Darstellungen zu konkreten zoo- und anthropomorphen Figuren im schamanischen Tranceerlebnis.

Abb .1: Von abstrakten Phosphenen über symbolische Darstellungen zu konkreten zoo- und anthropomorphen Figuren im schamanischen Tranceerlebnis. Quelle: Clottes/Lewis-Williams, 1997.

Doch welche Rolle spielen Mouches volantes in der entoptischen Interpretation der schamanischen Visionen? Mouches volantes sehen viele von uns als im Gesichtsfeld fliegende transparente Kugeln und Fäden, die oft einen Kern bzw. eine Doppelmembran aufweisen. Nach augenphysiologischer Lehre unterscheiden sich diese Kugeln und Fäden von anderen entoptischen Phänomen darin, dass sie nicht auf eine neuronale Aktivität zurückzuführen, sondern als Trübung des Glaskörpers zu verstehen sind (Tausin, 2009). Eine Verbindung von schamanischer ekstatisch-visionärer Kunst und Mouches volantes ist somit schwer vorstellbar und wird in der erwähnten Literatur auch nicht diskutiert. Meine Lehrzeit bei einem Seher im schweizerischen Emmental, sowie die damit verbundene Erforschung und Beobachtung der Mouches volantes (Tausin, 2010; 2006b; 2006c) hat mich jedoch zum Schluss gebracht, dass diese Punkte und Fäden ein spirituell relevantes Phänomen sind; und dass sie physiologisch gesehen durchaus mit neuronalen Erregungsmustern zusammenhängen können (Tausin, 2009). Ich habe gezeigt, dass unter diesen Voraussetzungen einige der abstrakten Kreis- und Liniendarstellungen in der steinzeitlichen schamanischen Kunst als Mouches volantes verstanden werden können (Tausin, 2006a). Die folgenden Bilder erweitern diese Ansicht auf die moderne und gegenwärtige Zeit. Sie zeigen die für Mouches volantes typischen Formen und Strukturen auf Ritualgegenständen und Zeichnungen von zentralasiatischen und südamerikanischen Schamanen und machen damit auf eine mögliche spirituell-ekstatische Bedeutung unserer Punkte und Fäden im Blickfeld aufmerksam.


Mouches-volantes-ähnliche Muster in der schamanischen Kunst

Trommeln
Um ihre Arbeit zu Verrichten braucht die Schamanin eine Zahl von rituellen Gegenständen. Der wohl wichtigste Gegenstand ist die Trommel, deren Rhythmen (in Kombination mit anderen Ritualen und Praktiken) bei ihr und ggf. bei anderen Ritualteilnehmern veränderte Bewusstseinszustände herbeiführen. Die Rahmentrommeln der traditionellen Schamanen wurden aus dem Holz eines bestimmten heiligen Baums gefertigt und mit dem Leder eines Tiers aus der Wildnis bespannt. Die Membran mancher Trommel wurde mit Russ, Ocker, Blut, Tonerde oder Kalk bemalt. Diese Malereien geben Zeugnis von der Vorstellungswelt der Schamanen, insbesondere von den unterschiedlichen Sphären des Kosmos und den dazugehörenden Phänomenen – Gestirne, Pflanzen, Tiere, Menschen, Geister und Götter (Oppitz, 2007; Stutley, 2003; Stolz, 1988; Eliade, 1957).

 

Saamische Trommel.

Abb. 2: Saamische Trommel. Quelle: Oppitz, S. 44

 

Die Trommeln der Saamen (Lappen) sind nicht jünger als das 18. Jh. – die Zeit, in der die noch einzige indigene Bevölkerung Europas zum Christentum bekehrt wurde. Saamische Schamanen teilten die Malfläche (den Kosmos) oft in zwei bis drei Schichten auf oder gruppierten vier Segmente um ein Zentrum. Die Trommel auf Abb. 2 kombiniert beide Praktiken der Raumaufteilung. Neben tier- und menschenähnlichen Gestalten fallen punktierte Kreise auf, die als Gestirne gedeutet werden; die kleineren in der oberen Sphäre und im linken Segment gelten als Sterne, der grosse punktierte Kreis in der Mitte stellt die Sonne mit vier als Doppellinien gezogenen Strahlen dar.

Altische Trommel der Altai Kizi.

Abb. 3: Altische Trommel der Altai Kizi. Quelle: Stolz, S. 164

 

Die Schamanentrommeln des sibirischen Altaigebietes sind an der grossen menschenähnlichen Figur zu erkennen, welche sich über das ganze Trommelfell erstreckt. Es ist Äsi, der „Herr der Trommel“, der in der Trommelinnenseite als Puppe eingebaut, auf der Aussenseite jedoch aufgemalt wurde. Auf Abb. 3 sind die Punkte dasjenige Element, das in allen drei kosmischen Regionen – Himmelswelt, irdische Sphäre und Unterwelt – vorkommt. Als Punkte enthaltende Schläuche zeigen sich Äsis Glieder (Regenbogen, Zentralachse), die die Sphären in oben und unten sowie links und rechts trennen. Auch hier gelten die Punkte als Sterne.

 

Trommel der südsibirischen Tubularen.

Abb. 4: Trommel der südsibirischen Tubularen. Quelle: Oppitz, S. 78

 

Die obere, „himmlische“ Welt wird auf dieser Trommel als ein Himmelsgewölbe mit einer teilweise bepunkteten doppelten Kurvenlinie dargestellt. Punkte („Sterne“) füllen den Raum zwischen acht keulenartigen Stäben aus. Nach unten hin wird das Himmelsgewölbe durch eine Zickzacklinie (die „Berge der Erde“) begrenzt. Unterhalb davon folgt die Unterwelt, die neben Tieren, mythischen Wesen und einem Menschen („Jäger“ oder „Schamane“) ein Punkt mit und einer ohne Kern enthält – eine symbolische Darstellung von Mond und Sonne.

 

Trommel der mongolischen Soyoten (Tuwiner).

Abb. 5: Trommel der mongolischen Soyoten (Tuwiner). Quelle: Oppitz, S. 63

 

Der Nadelbaum mit Wurzeln stellt bei dieser Trommel aus der nördlichen Mongolei die mythische Zentralachse dar, die alle drei kosmischen Sphären miteinander verbindet. Die deutlichen Ringe oder punktierte Kreise links und rechts der Rentiere oder Hirsche symbolisieren Sterne oder die „Sprenkelung des Rentierkalbes“.

Metallene Scheiben
Wo die Schamanen auf die Bemalung ihrer Trommeln verzichten, kann ihre Bekleidung von metaphysischen Vorstellungen und Symbolen zeugen. Eine jakutische Tracht beispielsweise zeichnet sich durch ihren zahlreichen und schweren Metallschmuck aus. Zum Bruststück, den angehängten Scheiben und Eisenplatten kommen grosse durchlöcherte Scheiben, die auf der Rückseite der Bekleidung angehängt werden (Abb. 6).

 

Rückseite eines Schamanenkostüms der Jakuten (Ostsibirien) aus Rentierleder, um 1900.

Abb. 6: Rückseite eines Schamanenkostüms der Jakuten (Ostsibirien) aus Rentierleder, um 1900. Quelle: Stolz, 1988.

 

Eine der hier dargestellten Scheiben symbolisiert ein Eisloch, der Eingang in die Unterwelt; die andere Lochscheibe ist die Sonne des Schamanen. Eine dritte Scheibe ohne Loch wird als Mond gedeutet. In ihrer Kern-Umkreis- bzw. Loch-Kreis-Struktur ähneln diese metallenen Scheiben also der Darstellung von „Gestirnen“ auf den Schamanentrommeln. Als magische Gestirne sollen die Metallscheiben den Weg des Schamanen im Reich der Finsternis (Unterwelt) erhellen (Eliade, 1957; Stutley, 2003; Stolz, 1988).

 

Toli – Spiegel.

Abb. 7: Toli – Spiegel. Quelle: Kasten, 2009.

 

Die Schamanen vieler turko-mongolischer Völker in Zentralasien, v.a. aber die sibirischen Burjaten, erhalten bei ihrer Initiation so genannte toli, metallene, oft bronzene oder kupferne Scheiben, die an einer Schnur um den Hals gehängt oder am Kaftan befestigt werden. Der Legende nach wurden die toli von himmlischen Schmieden angefertigt und „flogen“ vom Himmel herab, als Gabe der „hellen“ Gottheiten. Man verehrte sie auch als „Sonnenscheiben“ oder als „Spiegel“, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wiederspiegelt, und durch die die Schamanin die Phänomene aller Welten in den eigenen Körper absorbiert. Schamanen benutzen sie auch um weiszusagen, sich vor den Einflüssen böser Geister zu schützen und Hilfsgeister unterzubringen. Manche dieser toli sind kunstvoll bemalt, andere sind unverzierte Metallscheiben oder weisen schlichte konzentrische Ringe auf (Kasten, 2009; Stutley, 2003).

Visionen
In vielen Kulturen gilt die Fähigkeit einer Frau oder eines Mannes, die Seele aus dem Körper treten und auf eine visionäre Reise senden zu lassen, als zentrale schamanische Eigenschaft. Durch die dabei erfahrenen Visionen holt der Schamane den Rat und das Wissen der Geister und Götter ein, findet verlorene Objekte, begleitet Seelen in die Unterwelt und bewirkt Heilung. Wo diese Visionen mit starken Bewusstseinsveränderungen einhergehen, sind abstrakte geometrische Strukturen ein typisches Element neben den bildlichen Inhalten. Die Schamanen der südamerikanischen Amazonasregion sind ein Beispiel dafür, wie abstrakte Mouches-volantes-ähnliche Muster in die indigene Deutung von Welt und Kosmos einfliessen.

 

Ein Barasana (Tukano) zeichnet Reihen von punktierten Kreisen in den Sand.

Abb. 8: Ein Barasana (Tukano) zeichnet Reihen von punktierten Kreisen in den Sand. Quelle: Reichel-Dolmatoff, 1978

 

Bei den Tukano-Indianergruppen im östlichen Vaupés (Kolumbien) haben Schamanen (payé) nicht nur die spirituelle, sondern auch die politische Führerschaft. Die überlebenswichtigen Themen der Ökologie, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung, ausgedrückt in einem vielfältigen männlich-weiblich-Gegensatz, sind für diese Gesellschaft in politischen, spirituellen wie künstlerischen Handlungen und Ausdrucksformen präsent. Der schamanische Kosmos ist reich an Mythen und Metaphern, die jedoch als Projektionen aus dem inneren menschlichen Körper verstanden werden; dahinter wirkende abstrakte Prinzipien wie „Lebensenergie“ oder „Fruchtbarkeit“ sollen durch einen diszipliniert-genügsamen Lebensstil und durch die Transformation von Körper und Geist zugänglich gemacht werden. Die Schamanen verwenden in rituellen, wahrsagerischen und medizinischen Praktiken Halluzinogene wie sie in der Liane Banisteriopsis (yagé/yajé, ayahuasca, caapi) oder der Rinde des Virola-Baumes (vihó) vorkommen. Der Anthropologe Gerardo Reichel-Dolmatoff hat das halluzinatorische Erlebnis bei den Tukanos selbst erfahren und erforscht (Reichel-Dolmatoff, 1975; 1978; 1987; 1997). In diesem Ritual unterscheidet er eine erste Phase, die durch die Wahrnehmung von unterschiedlichen entoptischen Phänomenen („phosphenes“) charakterisiert ist, von einer zweiten Phase, in welcher Visionen bildlichen Inhalts auftreten. Während die zweite Phase als emotional mitreissende, mitunter erschreckende Reise in die mythische Raumzeit empfunden wird, gelten die Phänomene der ersten Phase als angenehme Erscheinungen. Tukano-Schamanen unterscheiden bis zu 30 dieser geometrischen Formen wie Kreise, Ringe, Ketten, Gitterwerk, Zickzacklinien etc. und beschreiben sie durch den Vergleich mit Naturerscheinungen wie Tropfen, Strahlen, Räder, Blüten, Schneckenhäuser und ähnliches. Sie werden mit abstrakten Konzepten wie männlich/weiblich, Frutchtbarkeit, Exogamie, Inzest und Befruchtung verknüpft und mahnen damit an die Beachtung der entsprechenden mythischen und sozialen Gesetze.

 

Die Zeichnung des Tukano Biá von der Gruppe der Tatuyo stellt die Wahrnehmung „nach drei Bechern yajé“ dar: Das grosse diagonale Kreuz in der Mitte eröffnet einen Raum, der von Biá als Vagina interpretiert wird; die Kreise darin sind „der Geschmack von Samen“.

Abb. 9: Die Zeichnung des Tukano Biá von der Gruppe der Tatuyo stellt die Wahrnehmung „nach drei Bechern yajé“ dar: Das grosse diagonale Kreuz in der Mitte eröffnet einen Raum, der von Biá als Vagina interpretiert wird; die Kreise darin sind „der Geschmack von Samen“. Quelle: Reichel-Dolmatoff, 1978

 

Interpretation nach dem Künstler Muhípu: Samentropfen (Mitte) zwischen Blüten (oben, weiblich) und Sonnenbögen (oben und unten, männlich).

Abb. 10: Interpretation nach dem Künstler Muhípu: Samentropfen (Mitte) zwischen Blüten (oben, weiblich) und Sonnenbögen (oben und unten, männlich). Quelle: Reichel-Dolmatoff, 1978.

 

Eine dieser Formen sind Punkte oder konzentrische Kreise oder Ringe, vereinzelt oder in Reihen angeordnet. Sie symbolisieren das abstrakte Konzept der Befruchtung bzw. der lebensspendenden Kraft durch das männliche Prinzip; gleichzeitig stehen sie für damit verbundene konkrete Erscheinungen wie Regen- oder Samentropfen. Nicht immer leicht davon zu unterscheiden ist ein Muster aus vertikalen parallelen Ketten aus kleinen Punkten, die leicht wellenförmig verlaufen. Diese symbolisieren die Milchstrasse, aufgefasst als riesiger kosmischer Fluss. Die Milchstrasse ist das erste Ziel, das die Tukano in ihrem ekstatischen Flug anstreben.

 

Detail einer Langhaus-Wand, die mit Mustern aus halluzinatorischen yajé-Erlebnissen bemalt ist.

Abb. 11: Detail einer Langhaus-Wand, die mit Mustern aus halluzinatorischen yajé-Erlebnissen bemalt ist. Quelle: Reichel-Dolmatoff, 1997

 

Wandbemalung eines Bará Maloca (Langhaus), Pirá-paraná (Vaupés, Kolumbien).

Abb. 12: Wandbemalung eines Bará Maloca (Langhaus), Pirá-paraná (Vaupés, Kolumbien). Quelle: Reichel-Dolmatoff, 1975.

 

Reichel-Dolmatoff hat als erster Anthropologe festgestellt, dass die wahrgenommenen entoptischen Formen die Motive für die künstlerische Gestaltung und Verzierung von Langhaus-Wänden (Abb. 11 und 12), Waffen, Masken, Schmuck, Töpferwaren und anderen rituellen und alltäglichen Gegenständen liefern. Aufgrund der Ähnlichkeit der Kunst der Tukano und anderen indigenen Gruppen der Amazonasländer vermutet er, dass entoptische Phänomene in schamanischen Gesellschaften eine verbreitete Inspirationsquelle für den künstlerischen Ausdruck darstellen.

 

Der Schamane visioniert „goldene Kugeln“.

Abb. 13: Der Schamane visioniert „goldene Kugeln“. Quelle: Harner, 1973.

 

Reichel-Dolmatoffs Befund lässt sich auch für Abb. 13 und 14 geltend machen. Erstere wurde von einem Schamanen der Jívaro-Gruppe in der Amazonas-Region Ecuadors angefertigt. Sie zeigt eine Vision im Zuge der Ekstase, die durch natema ausgelöst wurde. Natema ist ein rituell eingenommenes halluzinogenes Getränk aus den Blättern der Banisteriopsis-Kletterpflanze, zugleich bezeichnet der Begriff den Geist in dieser Pflanze. In mitten der leuchtenden Kugeln steht der Schamane, zu seiner Linken befindet sich ein riesiger Schmetterling, der Hilfsgeist des Schamanen. Die wirbelnden Kugeln hingegen (oder ein Teil davon) gelten als „Geist des natema.

 

Das Pulsieren der Kraft.

Abb. 14: Das Pulsieren der Kraft. Quelle: Amaringo/Luna, 1999.

 

Die Bilder des 2009 verstorbenen peruanischen Künstlers und Schamanen Pablo Amaringo sind in der psychonautischen und neoschamanischen Szene bekannt. Grundlage für Amaringos farbenprächtige und dynamische Bilder waren seine durch das halluzinogene Getränk Ayahuasca hervorgerufenen Visionen. In seiner Deutungen von Abb. 14 treffen sich traditionelles schamanisches Wissen und moderne Physiologie: Eine Gruppe von Pflanzenkundigen ruft während einer Ayahuasca-Zeremonie die Königin Pulsarium Coya an. Diese mythische Frau gibt den Heilern die Kraft, Kranke durch das Messen und Deuten des Pulses zu heilen. Der Puls setzt sich in den Hirnwellen fort, die hier als quer durchs Bild verlaufende farbige Schichten dargestellt sind. Die unterschiedlichen Farben sind Schwingungen, die unterschiedlichen Menschentypen – vom Lehrling bis zum Meister über die kosmischen Bereiche – zugeordnet sind.


Mouches volantes bei den Schamanen?

Es gibt zahlreiche Beispiele von abstrakten geometrischen Motiven in der modernen und gegenwärtigen schamanischen Kunst. Dass diese durch die Wahrnehmung entoptischer Erscheinungen während rituellen veränderten Bewusstseinszuständen inspiriert sind, ist in einigen Fällen belegt (z.B. Reichel-Dolmatoff, 1997), in anderen eine plausible Erklärung. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die Künstler die entoptischen Phänomene selbst sahen, oder ob sie die Wahrnehmung von ins kulturelle Repertoire aufgenommenen entoptischen Erscheinungen wiedergeben, die in einigen Fällen auf die Steinzeit zurückgehen könnte.
Die hier dargestellten Ritualgegenstände und Zeichnungen sind einige wenige Beispiele aus einer Fülle von Bildern, die zeigen, dass die für Mouches volantes typischen Strukturen in der schamanischen Kunst weit verbreitet sind: Ringe, Kreise mit Punkt, kurvenförmige und schlangenartige Doppellinien, die mit Punkten oder Kreisen gefüllt sind. Ob es sich hier tatsächlich um eine Repräsentation jener Gebilde handelt, die wir als harmlose idiopathische „fliegende Mücken“ oder Mouches volantes kennen, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Aufgrund von folgenden Fakten und Überlegungen halte ich dies jedoch für wahrscheinlich:

- das wichtigste Argument für die These ist der visuelle Ausdruck. Die schamanischen Kreisgebilde variieren zwar nicht nur in Grösse, sondern auch im Vorhandensein oder dem Fehlen eines Kerns, sowie im Grössenverhältnis, in der Farbe und Transparenz von Kern und Umkreis (vgl. Abb. 12). Möglicherweise widerspiegeln sie damit die unterschiedlichen Zustände (konzentriert, entspannt) der zwei Arten von Mouches volantes Kugeln (Tausin, 2009).

- Die Deutung dieser Formen durch die Schamanen verweist auf indigene mythische Vorstellungen über den Kosmos, die Welt, die Gesellschaft und den Menschen. Auffallend ist, dass diese Kreisformen mit der schamanischen Reise assoziiert werden. Die „Gestirne“ auf den Trommeln spenden Orientierung im Flug der Schamanin zum Himmel; die am Gewand befestigten metallenen Scheiben sind Öffnungen in die Anderswelt und Lichter, die den Weg dorthin beleuchten; die von den Göttern vom Himmel gesandten Spiegel (toli) beherbergen die Kraftgeister, die Reiseführer oder -begleiter der Schamanen; und die geometrischen Kreis- und Linienstrukturen, die während den ekstatischen Ritualen gesehen werden, sind der direkt erfahrbare visuelle Ausdruck der Reise in die Anderswelt. Dasselbe lässt sich von den Mouches volantes aussagen, die von den Sehern als Orientierungsmarken auf einem visuellen inneren Weg erfahren werden und ihnen als Öffnung in eine unbekannte, jenseitige Welt gelten (Tausin, 2010).

- Ein wichtiges Argument gegen die Wahrnehmung von Mouches volantes in schamanischen veränderten Bewusstseinszuständen könnte die Tatsache sein, dass die meisten rituellen Séancen während der Nacht stattfinden. Nun wissen wir, dass die Punkte und Fäden ein gewisses Mass an Licht brauchen und daher bei Tageslicht am besten zu sehen sind. Meines Erachtens spricht dies trotzdem nicht gegen die Mouches-volantes-Interpretation, aus folgenden zwei Gründen:
1) die Punkte und Fäden lassen sich bei genügend Helligkeit auch bei Nacht sehen, z.B. beim Blick in ein Feuer.
2) Gemäss den Sehern hängt die Wahrnehmung von Mouches volantes nicht nur von äusserem Licht ab, sondern auch von der Menge des „inneren Lichts“, abhängig vom Bewusstseinszustand. Wenn äusseres Licht fehlt, können Mouches volantes daher auch im Dunkeln gesehen werden, wenn die Bewusstseinsintensität genügend gross ist. Meine eigene Beobachtung deutet darauf hin, dass es eine Kontinuität von Mouches volantes und den sog. Phosphenen gibt: die im Dunkeln gut sichtbaren farbigen Pünktchen im visuellen Innenraum repräsentieren die Erinnerungen („Nachbilder“) an die intensiv leuchtenden, konzentrierten Mouches-volantes-Kügelchen, die ich bei Tageslicht sehe – Ort und Fliessverhalten stimmen überein. Dies bedeutet, das die Kugeln und Fäden grundsätzlich aus sich heraus leuchten; zwar können sie durch äussere Lichtquellen verstärkt werden, sind aber nicht davon abhängig. Von daher ist es durchaus vorstellbar, dass bei genügend innerem Licht auch die typischen Strukturen (Umkreis-Kern; hell-dunkel etc.) der Mouches volantes wieder sichtbar werden.


Die Kreisgebilde der hier gezeigten Kunst sprechen jedenfalls dafür, dass die Wahrnehmung und der Umgang der Schamanen in Bezug auf Mouches volantes eine Breite und Tiefe aufweisen, die die westliche, augenheilkundlich dominierte Interpretation bei Weitem übersteigen.

 

Quellen und Literatur:

Die Bilder stammen aus Bilddatenbanken im Internet, aus wissenschaftlichen Publikationen (online und print) oder aus meiner eigenen Sammlung (FT). Sie unterstehen entweder einer Creative Commons-Lizenz, fallen aufgrund der Verjährung nicht mehr unter das Copyright oder werden im Sinne des „Zitatrechts“ verwendet.

Literatur

  • Amaringo, Pablo; Luna, Luis. (1999). Ayahuasca Visions. North Atlantic Books
  • Bednarik, Robert G.; Lewis-Williams, J. D.; Dowson, Thomas A. (1990). "On Neuropsychology and Shamanism in Rock Art". Current Anthropology 31, 1: 77-84
  • Castaneda, Carlos. (1968). The Teachings of Don Juan. A Yaqui Way of Knowledge. University of California Press
  • Clottes, Jean; Lewis-Williams, David. (1997). Schamanen. Trance und Magie in der Höhlenkunst der Steinzeit. Jan Thorbecke Verlag
  • Dowson, T. A.; Lewis-Williams, J. D. (1988). “The Signs of All Times”. Current Anthropology 29, no. 2: 201-245
  • Drury, Nevill. (1989). Der Schamane und der Magier. Reisen zwischen den Welten. Basel: Sphinx
  • Eliade, Mircea. (1957). Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Zürich: Rascher & Cie
  • Eliade, Mircea. (2005). „Shamanism“. The Encyclopaedia of Religion, ed. by Mircea Eliade (1st ed. 1987), p. 8269-8274
  • Fries, Jan. (1995). Visuelle Magie. Ein Handbuch des Freistilschamanismus. Bad Ischl: Edition Ananael
  • Harner, Michael. (1973). Hallucinogens and Shamanism. London
  • Harner, Michael. (1980). The Way of the Shaman. A Guide to Power and Healing. New York: Harper & Row
  • Kasten, Erich (Hg.) (2009). Schamanen Sibiriens. Magier, Mittler, Heiler. Reimer
  • Oppitz, Michael. (2007). Trommeln der Schamanen. Völkerkundemuseum der Universität Zürich
  • Reichel-Dolmatoff, Gerardo. (1975). The Shaman and the Jaguar. A Study of Narcotic Drugs Among the Indians of Colombia. Philadelphia: Temple University Press
  • Reichel-Dolmatoff, Gerardo. (1978). Beyond the Milky Way. Hallucinatory Imagery of the Tukano Indians. Los Angeles: University of California
  • Reichel-Dolmatoff, Gerardo. (1987). Shamanism and art of the eastern Tukanoan Indians. Iconography of Religions IX, ed. by Th. P. van Baaren u.a. Leiden u.a.: Brill
  • Reichel-Dolmatoff, Gerardo. (1997). Rainforest Shamans. Essays on the Tukano Indians of the Northwest Amazon. Themis Books
  • Roach, Mary. (1998). "Ancient Altered States". Discover 19, 6
  • Stolz, Alfred. (1988). Schamanen. Ekstase und Jenseitssymbolik. Köln: DuMont Buchverlag
  • Stutley, Margaret. (2003). Shamanism. An Introduction. London/New York: Routledge
  • Tausin, Floco. (2010). Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins. Bern: Leuchtstruktur Verlag
  • Tausin, Floco. (2009). Mouches volantes – Glaskörpertrübung oder Nervensystem? ExtremNews. http://www.extremnews.com (22.12.09)
  • Tausin, Floco. (2006a). "Mouches volantes und Trance. Ein universelles Phänomen bei erweiterten Bewusstseinszuständen früher und heute". Jenseits des Irdischen 3
  • Tausin, Floco. (2006b). "Mouches volantes. Bewegliche Kugeln und Fäden aus der Sicht eines Sehers". Q’Phaze. Realität … Anders! 4
  • Tausin, Floco. (2006c). "Zwischen Innenwelt und Aussenwelt. Entoptische Phänomene und ihre Bedeutung für Bewusstseinsentwicklung und Spiritualität". Schlangentanz 3
  • Walter, Mariko Namba; Fridman, Eva Jane Neumann (eds.). (2004). Shamanism: an encyclopedia of world beliefs, parctices, and culture. Santa Barbara et al.: ABC-Clio
  • Znamenski, Andrei A. (2007). The Beauty of the Primitive. Shamanism and the Western Imagination. Oxford/New York: Oxford University Press

 

Seitenaufrufe: 1407

Neueste Aktivitäten

3 von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussionen wurden vorgestellt
Jul 18
Diskussion gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jul 18
Diskussion gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jul 4
Diskussion gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jul 2
Galaxiengesundheitsrat hat eine Diskussion hinzugefügt zur Gruppe Institut der Volksmedizin / Heilungserfahrung
Jul 1
Eine von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussion wurde vorgestellt
Jun 29
Eine von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussion wurde vorgestellt
Jun 23
Diskussionen gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 17
Galaxiengesundheitsrat hat eine Diskussion hinzugefügt zur Gruppe Wahrheitsbewegung
Jun 17
3 von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussionen wurden vorgestellt
Jun 15
Diskussion gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 15
3 von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussionen wurden vorgestellt
Jun 14
Diskussionen gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 14
Diskussionen gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 13
Eine von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussion wurde vorgestellt
Jun 13
Diskussion gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 8
6 von Galaxiengesundheitsrat gestartete Diskussionen wurden vorgestellt
Jun 4
Diskussionen gepostet von Galaxiengesundheitsrat
Jun 4
Diskussion gepostet von Chef Ursula
Jun 4
Galaxiengesundheitsrat hat eine Diskussion hinzugefügt zur Gruppe Institut für Natur – Philosophie
Jun 4

© 2016   Erstellt von Galaxiengesundheitsrat.   Powered by

Badges  |  Ein Problem melden  |  Privacy Policy  |  Nutzungsbedingungen