BARDA

Zitat aus Band 2 von DIE KLINGENDEN ZEDERN RUSSLANDS

von Seite 73

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Ein Buchstabe allein hat doch gar keine Bedeutung.

Und ob! Im Sanskrit zum Beispiel steckt in jedem Buchstaben ein ganzes Wort oder noch mehr. Und da jedes Wort wiederum aus Buchstaben besteht, verbirgt sich in jedem Buchstaben die Unendlichkeit!

»

«Ach du liebe Zeit! Und wir plappern die Wörter so gedankenlos

daher!»

«Ja, und oft werden auch solche Wörter so gedankenlos ausgesprochen, die Jahrtausende überdauert haben, die Raum und Zeit durchdringen. Und die darin noch heute verborgenen, vergessenen Formen versuchen sich Zugang zu unserer Seele zu verschaffen. Sie beschützen unsere Seele, und sie kämpfen für sie.»

«Was sind das für Wörter? Kenne ich zumindest eines davon?»

«Ja, ich denke schon, jedenfalls dem Klang nach. Aber was hinter dem Klang steckt, das haben die Menschen vergessen.»

Anastasia schloss die Augen und schwieg eine Weile. Dann bat sie mich leise, fast flüsternd: «Wladimir, bitte sprich einmal das Wort <Barde> aus.»

«Barde», sagte ich.

Sie zuckte wie vor Schmerz zusammen, dann sprach sie: «Oh, wie gleichgültig und achtlos du dieses bedeutende Wort ausgesprochen hast! Durch deine Abwesenheit und Leere hast du das flackernde Flämmchen einer Kerze gelöscht, ein Flämmchen, das Jahrhunderte

überdauert hat und das vielleicht von unseren entfernten Vorfahren für dich oder jemand anders in unserer heutigen Zeit bestimmt ist.

Das Vergessen der Ursprünge hat zur heutigen verheerenden Lage der Menschheit gefuhrt.»

«Was hat dir denn an meiner Aussprache nicht gefallen? Und woran hätte ich mich im Zusammenhang mit diesem Wort erinnern sollen?»

Anastasia schwieg. Dann begann sie leise zu sprechen, und ihre Worte drangen wie aus der Ewigkeit zu mir: «Lange vor Christi Geburt lebten Menschen auf dieser Erde, die sich Kelten nannten.

Sie waren unsere Vorfahren, und ihre weisen Lehrer hießen Druiden. Wegen ihres umfassenden Wissens von der materiellen und der geistigen Welt wurden sie von vielen damals lebenden Völkern bewundert. In Anwesenheit der Druiden griffen die Kelten niemals zu den Waffen. Um den untersten Grad eines Druiden zu erreichen, musste man sich zwanzig Jahre lang individuell von einem geistigen Meister, einem Oberdruiden, unterweisen lassen. Erst dann erhielt ein erfolgreicher Adept die Einweihung und den Titel <Barde>. Damit fiel ihm das moralische Recht zu, unter das Volk zu gehen und zu singen. Durch seine Lieder brachte er Licht und Wahrheit unter die Menschen, und mit seinen Worten formte er Bilder, die für die Seele heilsam waren.

Die Kelten wurden wiederholt von römischen Legionen angegriffen. Die letzte Schlacht fand an einem Fluss statt. Da erblickten die Römer unter den Kriegern Frauen mit offenem Haar. Die römischen Feldherrn wussten: In Gegenwart solcher Frauen würden sie für einen Sieg über die Kelten eine sechsfache Übermacht brauchen. Warum das so war, wussten die erfahrenen Heerführer nicht, und auch die Geschichtsforscher von heute haben dafür keine Erklärung. Es muss aber offenbar irgendeine besondere Bewandtnis mit diesen unbewaffneten Frauen mit offenem Haar gehabt haben.

Die Römer überfielen die Kelten mit neunfacher Übermacht. Am Schluss war nur noch eine keltische Familie übrig, die an einen Fluss gedrängt worden war. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und wehrten sich tapfer. Hinter ihnen stillte eine junge keltische Frau ein kleines Mädchen und sang. Die junge Mutter sang ein heiteres, freudiges Lied, damit in dem Mädchen keine Furcht oder Trauer aufkämen, sondern allein lichte Bilder in ihre Seele dringen könnten.

Wenn das Mädchen von der Mutterbrust abließ, trafen sich die Blicke der beiden. Die Mutter unterbrach dann ihr Lied und nannte das Mädchen jedes Mal zärtlich <Barda>.

Der schützende Halbkreis war inzwischen durchbrochen worden. Zwischen den anstürmenden römischen Soldaten und der stillenden Frau stand nur noch ein einsamer junger Barde, der blutüberströmt sein Schwert zum Kampfe erhoben hatte. Er drehte

sich noch einmal zu der Frau um, ihre Blicke trafen sich, und sie lächelten sich an.

Der verwundete Barde konnte die Römer noch eine Weile aufhalten, sodass die Frau Zeit fand, zum Fluss herunter zu laufen, das kleine Mädchen in ein Boot zu legen und dieses vom Ufer abzustoßen.

Mit letzter Kraft warf der verblutende Barde der jungen Frau sein Schwert zu Füßen. Sie nahm es auf und kämpfte vier Stunden lang ununterbrochen mit den Legionären, um ihnen den schmalen Pfad zum Fluss zu verwehren. Die ermüdenden Legionäre lösten

einander im Kampfe ab.

Die römischen Feldherrn verfolgten sprachlos den Kampf; es war ihnen unerklärlich, wieso die erfahrenen, starken Krieger dem Körper der Frau nicht einmal eine Schramme zufügen konnten. Nach vier Stunden verließen die Frau die Kräfte. Ihre Lungen waren ausgetrocknet, denn die ganze Zeit über hatte sie keinen Schluck Wasser bekommen. Aus ihren zerplatzten Lippen quoll Blut hervor. Langsam sank sie in die Knie, und im Fallen sandte sie dem Boot, das mit der kleinen Barda langsam stromabwärts trieb, noch ein sanftes Lächeln hinterher. Das Lächeln galt auch dem Wort selbst und dem in ihm enthaltenen Gedankenbild, welche aufgrund der Bemühung der jungen Mutter zum Nutzen der heute lebenden Menschen Jahrtausende überdauert haben.

Das Wesen des Menschen bildet nicht allein der Körper. Unermesslich Größeres und Bedeutenderes — unsichtbare Gefühle, Bestrebungen und Empfindungen - spiegeln sich nur teilweise im Materiellen wider.

Die kleine Barda wuchs zu einem Mädchen, dann zu einer erwachsenen Frau heran, und sie hatte Kinder. Sie lebte auf der Erde und sang. Mit ihren Liedern schenkte sie den Menschen ausschließlich lichte Emotionen. Wie ein allheilender Strahl halfen sie, die Trübsal der Seele zu vertreiben. Aber die Mühen und Nöte des Alltags führten dazu, dass die Quelle des Strahls beinahe erlosch. Doch bei dem Versuch, zu ihr vorzudringen, scheiterten die unsichtbaren dunklen Kräfte an einem einzigen Hindernis: demjenigen, der auf dem Pfade stand.

Das Wesen des Menschen liegt nicht im Körper, Wladimir. Der verblutende Körper des Barden hatte das lichte Lächeln seiner Seele in die Ewigkeit gesandt, und von dort wurde das Licht des unsichtbaren menschlichen Wesens reflektiert. Der jungen Mutter, die das

Schwert hielt, brannte es in den Lungen, und Blut quoll aus ihren aufgesprungenen Lippen hervor, die das lichte Lächeln des Barden erhaschten ...

Und jetzt glaube mir, Wladimir, und versuche mich zu verstehen. Lausche auf das Klingen des unsichtbaren Schwerts des Barden, der sich auf dem Pfad zu den Seelen seiner Nachkommen einem Angriff des Dunklen und Bösen widersetzt. Wladimir, bitte sprich noch einmal das Wort <Barde>.»

«Ich kann es nicht, ehe ich in der Lage bin, die gebührende Bedeutungstiefe in es hineinzulegen. Wenn es so weit ist, werde ich es ganz bestimmt aussprechen.»

«Danke, Wladimir — danke dafür, dass du es jetzt nicht ausgesprochen hast.»

«Sag mal, Anastasia, du musst das doch beantworten können: Wer von den heute lebenden Menschen ist ein direkter Nachfahre jener stillenden Mutter, ihrer Tochter Barda, die es liebte zu singen, und des Barden, der auf dem Pfad gekämpft hat? Wer hat nur vergessen

können, zu diesem Geschlecht zu gehören?»

«Überleg mal, Wladimir, wie du auf diese Frage gekommen bist.»

«Ich möchte mir einfach denjenigen oder diejenigen einmal anschauen, die ihre eigene Herkunft vergessen haben. Sie müssen ganz gefühllos sein.»

«Kann es sein, dass du dich vergewissern willst, dass nicht du es bist, der sich an all das nicht erinnert?»

«Was soll das? ... Doch halt, ich glaube, ich habe verstanden,

Anastasia. Du brauchst nicht zu antworten. Jeder soll selbst darüber nachdenken.»

«Gut», antwortete sie, sah mich an und verfiel in Schweigen.

Auch ich schwieg eine Weile, denn ich stand noch ganz unter dem Eindruck der von ihr geschilderten Szenen. Schließlich fragte ich sie: «Warum hast du gerade dieses Wort als Beispiel gebraucht?»

«Um dich darauf aufmerksam zu machen, wie sich die Bilder und Formen, die sich darin verbergen, bald in der realen Welt manifestieren werden.

Tausende von Gitarrensaiten werden zurzeit von den heutigen Barden Russlands zum Klingen gebracht. Als ich noch in der Taiga von allem träumte, haben sie es zuerst gespürt. Ihre Seelen ... zuerst entstand nur ein zitterndes Flämmchen in einer

Seele und ließ eine Gitarrensaite erklingen, dann stimmten sich auch andere Seelen darauf ein und machten mit. Bald werden ihre Lieder von vielen Menschen gehört werden. Diese Barden werden den Menschen dabei helfen, das neue Morgenrot zu erblicken — das Morgenrot der Erleuchtung der menschlichen Seelen. Du wirst ihre

Lieder hören, die neuen Lieder der Morgendämmerung.»

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